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Diagramme im Case Interview: eine Abbildung in 60 Sekunden lesen

Von Aktualisiert 6 Min. LesezeitRead in EnglishLees in het Nederlands

Kurze Antwort

Um ein Diagramm im Case Interview zu lesen, prüfst du zuerst Titel und Quelle, dann Achsen und Einheiten, suchst danach die eine Zahl, die heraussticht, und schließt damit, was sie für die Frage des Klienten bedeutet. Sprich jeden Schritt laut aus. In etwa 60 Sekunden erledigt, funktioniert diese Routine für Abbildungen im Live-Interview, McKinsey Solve, Casey von BCG und die Tabellen- und Grafikteile der Tests von Tier-2-Beratungen.

Das Wichtigste in Kürze

  • Interviewer geben dir ein Diagramm, um zu sehen, ob du die Erkenntnis findest, die für den Klienten zählt; schließe deshalb immer mit dem So-what.
  • Lies Einheiten, Basisjahr und Fußnoten vor jeder Zahl; dort stecken die meisten Fallen in Diagrammen.
  • Halte Prozent und Prozentpunkte auseinander: Ein Anteil, der von 25 % auf 22,5 % fällt, sinkt um 2,5 Punkte, relativ sind das 10 % weniger.
  • Gestapelte Balken, doppelte Achsen und abgeschnittene Achsen sind die drei Formate, die unter Zeitdruck am ehesten in die Irre führen.
  • Dieselbe Leseroutine bringt Punkte in Live-Cases, spielbasierten Tests und numerischen Tests mit Zeitvorgabe.

Warum geben dir Interviewer ein Diagramm?

Interviewer geben dir ein Diagramm, um zu prüfen, ob du die eine Tatsache findest, die die Entscheidung des Klienten bewegt, und zwar schnell und ohne Hinweis, wo du suchen sollst. Die offizielle Seite von BCG zur Case-Vorbereitung nennt Datenanalyse und schnelle Rechnungen als Kernbestandteile jedes Cases. Ein Diagramm verbindet beides: Du musst genau lesen, etwas ausrechnen und das Ergebnis mit der Frage verknüpfen.

Die meisten Abbildungen enthalten mehr Daten, als du brauchst. Das ist Absicht. Der Interviewer beobachtet, ob du filterst und ob du mit einer Schlussfolgerung endest oder bei einer Beschreibung stehen bleibst. In virtuellen Interviews kommen Abbildungen laut StrategyCase per Bildschirmfreigabe oder Chat, also übe am Bildschirm genauso wie auf Papier.

Eine Leseroutine in vier Schritten

Wende bei jeder Abbildung dieselben vier Schritte an und sprich sie laut aus.

  1. Titel und Quelle. Stelle fest, was das Diagramm zeigen will, für welches Unternehmen, welchen Markt und welchen Zeitraum. Lies jetzt die Fußnoten, denn sie definieren oft eine Kategorie neu oder ändern das Basisjahr.
  2. Achsen und Einheiten. Einheiten (€, Stück, %), Maßstab (Tausend, Millionen) und ob eine Achse bei null beginnt. Achte darauf, ob es eine zweite Achse gibt.
  3. Der Ausreißer. Finde die eine Zahl, die aus dem Muster fällt: das schnellste Wachstum, die größte Lücke, die Trendwende. Rechne sie aus, wenn nötig.
  4. So-what. Verknüpfe den Ausreißer in einem Satz mit der Frage des Klienten und schlage dann vor, was du als Nächstes untersuchen würdest.

Schritt 1 und 2 dauern zusammen etwa 15 Sekunden, Schritt 3 etwa 30 und Schritt 4 etwa 15. Die Rechnung in Schritt 3 ist meist einfach, muss aber ohne Taschenrechner gelingen; die Abkürzungen dafür zeigt der Leitfaden zum Rechnen im Case Interview.

Sechs Diagrammtypen und die Falle in jedem

Diagrammtyp Typischer Einsatz im Case Die Falle
Balkendiagramm Segmente oder Wettbewerber vergleichen Eine Achse, die über null beginnt, lässt kleine Unterschiede groß wirken
Liniendiagramm Trends über die Zeit Zwei Linien auf zwei verschiedenen Achsen verleiten zu falschen Vergleichen
Gestapelter Balken Zusammensetzung über die Zeit Nur das unterste Segment hat eine gemeinsame Grundlinie; die anderen lassen sich mit bloßem Auge schwer vergleichen
Kreisdiagramm oder 100-%-Balken Anteile an einer Gesamtmenge Anteile verbergen die Größe der Gesamtmenge, die geschrumpft sein kann
Wasserfalldiagramm Überleitung von einem Wert zu einem anderen Vorzeichen und Reihenfolge der Schritte; jeder mittlere Balken ist eine Veränderung gegenüber der vorherigen Summe
Streu- oder Blasendiagramm Zusammenhang zwischen zwei Variablen Korrelation als Kausalität gelesen; Blasenfläche als Durchmesser fehlinterpretiert

Prozent und Prozentpunkte

Prozentpunkte messen den absoluten Abstand zwischen zwei Prozentwerten. Prozent misst die relative Veränderung. Eine Marge, die von 20 % auf 15 % fällt, ist um 5 Prozentpunkte gesunken, relativ ist das ein Rückgang um 25 % (5 / 20). Wer beides verwechselt, verliert schnell das Vertrauen des Interviewers, weil die beiden Zahlen zu unterschiedlichen Empfehlungen führen können. Sag „Punkte“ für Abstände zwischen Anteilen und Margen und „Prozent“ für relative Veränderungen.

Ausgearbeitete Abbildung 1: eine Tabelle mit Marktanteilen

Der Klient Velora (eine fiktive niederländische E-Bike-Marke) verzeichnet sinkende Absatzzahlen und fragt nach dem Grund. Alle Daten unten sind zu Übungszwecken erfunden.

Abbildung 1: E-Bike-Absatz in den Niederlanden nach Marke, in Tausend Stück

Marke Stück 2023 Anteil 2023 Stück 2025 Anteil 2025
Velora (Klient) 100 25,0 % 81 22,5 %
Marke B 80 20,0 % 90 25,0 %
Marke C 60 15,0 % 54 15,0 %
Marke D 40 10,0 % 36 10,0 %
Andere 120 30,0 % 99 27,5 %
Gesamt 400 100 % 360 100 %

Schwache Lesart: „Velora ging von 100 auf 81, Marke B von 80 auf 90, Marke C von 60 auf 54, und die Gesamtzahl ist auch gesunken. Velora verliert also.“

Starke Lesart: „Die Tabelle zeigt Absatz und Anteile nach Marke für 2023 und 2025. Der Markt ist um 10 % geschrumpft, von 400.000 auf 360.000 Stück. Velora ist um 19 % gefallen, etwa die Hälfte des Rückgangs kommt also vom Markt und die andere Hälfte vom Verlust an Marktanteil: Der Anteil sank um 2,5 Punkte, von 25 % auf 22,5 %. Marke B ist die einzige Marke, die gewachsen ist, mit einem Plus von 5 Punkten. Ich würde gern verstehen, was Marke B verändert hat, zum Beispiel Preis, Sortiment oder Händlernetz.“

Die starke Lesart trennt Marktrückgang und Anteilsverlust, verwendet Punkte korrekt und endet mit einer Hypothese, die dem Interviewer zeigt, wohin es als Nächstes geht.

Ausgearbeitete Abbildung 2: ein Kostenwasserfall

Der Klient, eine fiktive Bäckereikette, verkauft ein Brot für 1,60 €, und seine Marge hat sich innerhalb eines Jahres halbiert.

Abbildung 2: Kosten pro Brot, 2024 bis 2025 (€)

Schritt Veränderung Laufende Summe
Kosten pro Brot, 2024 1,20
Mehl +0,12 1,32
Energie +0,06 1,38
Personal +0,04 1,42
Verpackung -0,02 1,40
Kosten pro Brot, 2025 1,40

Schwache Lesart: „Die Kosten sind wegen Mehl, Energie und Personal gestiegen, und die Verpackung ist etwas günstiger geworden.“

Starke Lesart: „Die Kosten pro Brot sind um 20 Cent gestiegen, von 1,20 € auf 1,40 €. Bei einem unveränderten Preis von 1,60 € fiel die Marge von 40 Cent auf 20 Cent, also von 25 % auf 12,5 % des Preises: ein Rückgang um 12,5 Punkte oder relativ um 50 %. Mehl erklärt 12 der 20 Cent, also 60 % des Anstiegs. Die erste Frage ist deshalb, ob die Mehlpreise vorübergehend oder strukturell hoch sind und ob der Klient einen Teil des Anstiegs über den Preis weitergeben kann.“

Wie das Lesen von Diagrammen in Online-Tests vorkommt

Dieselbe Fähigkeit wird in fast jedem Test der Beratungen bewertet, ergänzt um eine feste Frage und einen Timer.

  • Kearney: StrategyCase berichtet von zwei getrennten Teilen, dem Lesen einer Tabelle und dem Lesen einer Grafik, mit jeweils sechs Fragen (laut Kandidatenberichten).
  • L.E.K.: Dateninterpretation aus Tabellen und Diagrammen ist eine von sechs Themengruppen, ohne Taschenrechner (laut Kandidatenberichten).
  • McKinsey Solve: Road to Offer schreibt, dass Redrock Study die Dateninterpretation mit ähnlichen Diagrammtypen und Details bis auf Ebene der Fußnoten prüft.

In einem Test mit Zeitvorgabe drehst du den ersten Schritt um: erst die Frage lesen, dann das Diagramm. Probier es mit diesem Beispiel.

Abbildung 3: Umsatz eines fiktiven Händlers nach Kanal, in Mio. €

Kanal 2022 2025
Filialen 170 180
Online 30 60
Gesamt 200 240

Frage: Berechne die prozentuale Veränderung des Filialumsatzes von 2022 bis 2025. Als 100-%-Balken gezeichnet, schrumpft das Filialsegment von 85 % auf 75 % des Umsatzes, und das verleitet zur Antwort „Rückgang“. Absolut ist der Filialumsatz von 170 auf 180 gewachsen, also um etwa 5,9 % (10 / 170). Die Antwort lautet: Wachstum von etwa 6 %.

Stephans Hinweis: Der schriftliche Test, den ich selbst gemacht habe, der PST von McKinsey, bestand fast ausschließlich aus Abbildungen wie diesen, und er belohnte die Gewohnheit, zuerst die Frage zu lesen, mehr als alles andere. The Key to the PST (auf Englisch und Niederländisch) gibt dir 26 Fragen mit Zeitvorgabe zu dichten Abbildungen und einen vollständigen Lösungsschlüssel. Den Test, für den das Buch entwickelt wurde, gibt es nicht mehr, aber es ist dieselbe Fähigkeit, die Solve, Casey und die Tests der Tier-2-Beratungen bewerten.

Für mehr Übung arbeite die Beispielfragen zum PST durch, folge dem 4-Wochen-Übungsplan und sieh dir in der Übersicht über Online Assessments in der Beratung und im Leitfaden zum McKinsey-Test an, wie die Tests der einzelnen Beratungen Abbildungen einsetzen.

Häufige Fragen

Wie lange sollte ich im Case Interview ein Diagramm lesen?

Nimm dir für eine typische Abbildung 30-60 Sekunden zum stillen Lesen und sag dem Interviewer, dass du das tust. Dichte Tabellen mit vielen Zeilen rechtfertigen etwas mehr Zeit.

Was sage ich zuerst, wenn ich eine Abbildung bekomme?

Beschreibe in einem Satz, was das Diagramm zeigt (Kennzahl, Einheiten, Zeitraum), und nenne dann die wichtigste Beobachtung. Lies nicht jeden einzelnen Datenpunkt laut vor.

Was mache ich, wenn ich das Diagramm nicht verstehe?

Stell eine präzise Frage zu dem Element, bei dem du unsicher bist, etwa zur Einheit oder dazu, was eine Kategorie umfasst. Interviewer erwarten klärende Fragen und ziehen sie einer falschen Annahme vor.

Muss ich aus jeder Abbildung etwas ausrechnen?

Meistens ja. Die meisten Abbildungen in Cases verstecken eine Rechnung, etwa eine Wachstumsrate, eine Veränderung des Anteils oder einen Abstand zu einem Benchmark, die aus der Beobachtung eine Erkenntnis macht.

Unterscheiden sich Diagramme in Online-Tests von denen im Live-Interview?

Die Diagrammtypen sind dieselben, in Online-Tests kommen aber eine feste Frage und ein Timer dazu. Dort ist es noch wichtiger, die Frage vor dem Diagramm zu lesen.

Quellen

  1. BCG: Case interview preparation
  2. StrategyCase: Kearney recruitment test
  3. StrategyCase: L.E.K. numerical reasoning test
  4. Road to Offer: Case interview data interpretation
  5. StrategyCase: Online case interview

Stephan Spijkers

Stephan Spijkers gründete Case Interview HQ im Jahr 2011, nachdem er das Auswahlverfahren der Strategieberatung selbst durchlaufen hatte: schriftlicher Test, Case-Runden und Partnerinterviews. Er hat Kandidaten auch von der anderen Seite des Tisches interviewt, Studierende einzeln und in Gruppen gecoacht und Cracking the Case sowie die beiden Key-to-the-PST-Übungsbücher geschrieben. Heute leitet er PIMvendors.com, eine Beratung für Product Information Management.